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Fachkräftemangel Logistik: 5 Strategien gegen den Engpass

Mitarbeiterin an der Kommissionierstation mit Bildschirmarbeitsplatz

Der Fachkräftemangel in der Logistik ist kein Peak-Problem mehr, das sich nach Weihnachten von selbst löst - er ist die Baseline geworden. Wer offene Schichten dauerhaft nicht besetzt bekommt, steht vor der Frage, welche Gegenmaßnahme wirklich trägt und welche nur das Symptom verwaltet. Dieser Artikel bewertet fünf Strategien danach, ob sie die Belastung kurzfristig lindern oder die strukturelle Personalabhängigkeit senken - jede mit ehrlicher Angabe von Aufwand und Grenze.

Warum der Fachkräftemangel in der Logistik strukturell ist

Der Personalengpass im Lager hat aufgehört, ein saisonales Phänomen zu sein. Drei Entwicklungen laufen gleichzeitig und verstärken sich gegenseitig.

Erstens die Demografie. Die erwerbsfähige Bevölkerung in Deutschland schrumpft, weil die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in den Ruhestand gehen und weniger junge Arbeitskräfte nachrücken. Die Logistik konkurriert um diese kleiner werdende Gruppe mit Bau, Industrie, Pflege und Handel - Branchen, die denselben Mangel spüren.

Zweitens die Attraktivität der Arbeit selbst. Körperlich fordernde, repetitive Kommissioniertätigkeit mit langen Laufwegen zählt zu den Jobprofilen, die jüngere Bewerber am ehesten meiden. Höhere Löhne allein drehen das nicht, weil die Nachbarbranchen ihre Löhne ebenfalls erhöhen.

Drittens der Wettbewerb um dieselben Köpfe. Großkonzerne fahren aggressive Gehaltsstrategien, die Mittelständler nicht mitgehen können. Das Ergebnis ist ein dauerhaftes Abwerben, das die Fluktuation zusätzlich treibt.

Der Engpass bleibt selten bei der unbesetzten Schicht stehen, er kaskadiert durch den Betrieb. Unterbesetzte Kommissionierzonen bremsen den Durchsatz, im Peak wächst die Lücke zwischen Auftragseingang und Versandkapazität, und SLA-Verletzungen folgen. Überlastetes Personal macht mehr Fehler, was Retouren und Nacharbeit erzeugt. Am teuersten ist der Fall, der in keiner Kostenstelle auftaucht: Neugeschäft, das ein Standort ablehnen muss, weil er die dafür nötigen Schichten nicht besetzen kann.

Dass der Mangel als Treiber der Automatisierung angekommen ist, zeigt die aktuelle Branchenerhebung des EHI: 91,2 % der Handelsunternehmen nennen Kostenersparnis als wichtigsten Grund für weitere Automatisierung, 77,8 % den Fachkräftemangel (EHI 2026, Abb. 5, Mehrfachnennung). Der Mangel steht damit direkt hinter dem Kostenargument - und für viele Betriebe ist er der akutere der beiden. Entsprechend setzt die große Mehrheit der Unternehmen Robotik in der Logistik bereits ein oder plant den Einsatz.

Der Rest dieses Artikels sortiert die gängigen Antworten auf diesen Mangel danach, ob sie die Zahl der benötigten Köpfe senken oder nur die Belastung der vorhandenen verwalten.

5 Strategien gegen den Fachkräftemangel

Strategie 1 - Arbeitsbedingungen und Employer Branding verbessern

Der naheliegende erste Hebel ist der Arbeitgeber selbst: höhere Löhne, Prämien, Zuschläge, planbarere Schichtmodelle und ein sichtbareres Employer Branding. Das wirkt, und zwar schnell - eine bessere Bezahlung besetzt kurzfristig offene Stellen und senkt die Abwanderung.

Die Grenze liegt in der Relativität. Wenn alle Betriebe im Umkreis gleichzeitig die Löhne anheben, verbessert sich die relative Attraktivität des einzelnen Lagers nicht. Der Aufwand steigt dauerhaft - höhere Lohnkosten bleiben in der Bilanz -, ohne dass sich die grundsätzliche Verfügbarkeit von Arbeitskräften ändert. Diese Maßnahme ist notwendig, um im Wettbewerb um Personal überhaupt mitzuspielen. Eine strukturelle Lösung des Mangels ist sie nicht.

Strategie 2 - Prozesse optimieren und Ergonomie erhöhen

Der zweite Hebel setzt an der Produktivität jedes einzelnen Mitarbeitenden an: Pick-by-Voice oder Pick-by-Light, kürzere Wegzeiten durch bessere Slotting- und Layout-Entscheidungen, schlankere Kommissionierprozesse. Weil die Kommissionierung bis zu 55 % der gesamten Lagerbetriebskosten ausmacht (de Koster et al., 2007, peer-reviewte Forschungsübersicht), zahlt sich hier jeder Prozentpunkt aus.

Der Effekt hat aber eine Decke. Prozessoptimierung macht die vorhandenen Köpfe produktiver - sie ändert nichts an der Abhängigkeit davon, dass überhaupt Köpfe da sind. Ein Produktivitätsgewinn von 15 % hilft wenig, wenn 30 % der Schichten unbesetzt bleiben. Ergonomische Verbesserungen an bestehenden Mann-zur-Ware-Arbeitsplätzen reduzieren die körperliche Belastung, heben die Laufwege von 10-16 Kilometern pro Schicht aber nicht auf. Der Aufwand ist überschaubar und die Amortisation schnell - deshalb lohnt sich dieser Schritt fast immer. Als alleinige Antwort auf den Mangel reicht er nicht.

Strategie 3 - Peaks über Flexibilisierung abfedern

Viele Betriebe fangen Spitzen über Zeitarbeit und Saisonkräfte ab. Der Vorteil ist die Geschwindigkeit: Kapazität lässt sich ohne feste Verpflichtung zubuchen und nach dem Peak wieder abbauen.

Der Preis dafür ist mehrfach. Zeitarbeitskräfte kosten inklusive Agenturgebühren typischerweise 30-50 % mehr pro Stunde als Stammpersonal. Sie brauchen ein bis drei Wochen Einarbeitung, bevor sie die Basisproduktivität erreichen - in einer Saisonspitze verbraucht das oft einen erheblichen Teil der Vertragslaufzeit. Und sie sind genau dann knapp, wenn alle sie gleichzeitig suchen: im Peak. Hinzu kommen höhere Fehlerquoten durch weniger eingearbeitetes Personal. Flexibilisierung ist damit ein Puffer, der Spitzen glättet, aber die strukturelle Abhängigkeit von verfügbaren Arbeitskräften nicht senkt - er verlagert sie nur auf einen teureren, unzuverlässigeren Kanal.

Strategie 4 - Kommissionierung automatisieren

Die vierte Strategie ist die einzige, die die Personalabhängigkeit strukturell senkt, statt sie zu verwalten. Ein Ware-zur-Person-System auf Basis autonomer mobiler Roboter (AMR) bringt die Behälter aus dem Regal zur Kommissionierstation, statt Menschen durch die Gänge zu schicken. Das reduziert den Personalbedarf in der Kommissionierung um bis zu 70 %: Ein Lager, das vorher 30 Picker brauchte, erreicht denselben Durchsatz mit rund neun bis zehn Personen an stationären Arbeitsplätzen.

Anders als klassische Automatisierung setzt der Retrofit-Ansatz kein Bauprojekt voraus. Die NEO-Plattform zieht in die bestehenden Fachbodenregale ein, der Betrieb läuft während der Einführung weiter, und der Go-Live liegt bei 6-8 Wochen statt bei 12-36 Monaten. Ein zweiter Effekt zahlt direkt auf das Personalproblem ein: Die Einarbeitung an einer Ware-zur-Person-Station dauert Stunden statt Wochen. Damit ist ein Ersatz am ersten Tag produktiv, nicht am fünfzehnten - was den Schaden jeder Kündigung deutlich abfedert. Die Bindungsseite dieses Problems, also warum Menschen das Lager überhaupt verlassen, behandelt der Artikel zur Fluktuation im Lager aus der Retention-Perspektive.

Auch diese Strategie hat ihre Voraussetzungen. Wirtschaftlich wird Ware-zur-Person als Faustwert ab 5.000 Picks pro Tag im betroffenen Lagerbereich; darunter lohnt zunächst die Optimierung der manuellen Prozesse aus Strategie 2. Die Anbindung an das bestehende WMS dauert rund vier Wochen und bindet in dieser Zeit IT-Ressourcen. Und die Finanzierung ist eine eigene Entscheidung: Im Pay-per-Pick-Modell entfällt zwar die Vorab-Investition, dafür ist die Kostenseite variabel - wie sich das gegen den Kauf rechnet und warum das gerade für den Mittelstand zählt, zeigt der Artikel dazu, wie der Mittelstand die Investitionshürde umgeht.

Strategie 5 - Menschen und Roboter kombinieren

Die 70 %-Reduktion wird oft als Personalabbau missverstanden. Praktisch heißt sie etwas anderes: Die Kommissioniertätigkeit verlagert sich von körperlich fordernden Laufwegen auf höherwertige Aufgaben - Qualitätskontrolle, Bestandsführung, Supervision -, und im Peak arbeiten zusätzliche Picker im selben Workflow neben den Robotern.

Dieses kollaborative Kommissionieren löst das Dimensionierungsproblem, an dem die reine Flexibilisierung scheitert. Die Roboterflotte wird auf das Durchschnittsvolumen ausgelegt; Spitzen fängt der Betrieb mit zusätzlichen Menschen ab, die im bestehenden Prozess mitlaufen, statt einen parallelen manuellen Betrieb aufzubauen, der separat organisiert und eingelernt werden müsste. Der Betrieb finanziert damit keine Überkapazität und behält trotzdem die Option, Lastspitzen mit Personal abzufedern. Die Voraussetzung ist die Automatisierungsbasis aus Strategie 4 - ohne sie ist das kein eigener Hebel, sondern nur die klassische Saisonaushilfe unter neuem Namen.

Welche Strategie für welches Lager?

Die fünf Strategien konkurrieren nicht, sie greifen ineinander - aber nicht jede passt zu jedem Lager. Arbeitsbedingungen, Prozessoptimierung und Flexibilisierung (Strategien 1 bis 3) sind flankierende Maßnahmen mit einer Decke: Sie halten den Betrieb im Rennen um Personal und heben die Produktivität, senken die Zahl der benötigten Köpfe aber nicht. Für Lager unterhalb von rund 5.000 Picks pro Tag sind sie der richtige erste Schritt.

Der strukturelle Hebel ist die Automatisierung der Kommissionierung (Strategie 4). Sie lohnt sich ab dieser Volumenschwelle und ist die einzige Antwort, die die Personalabhängigkeit dauerhaft reduziert. Das kollaborative Kommissionieren (Strategie 5) ist die Peak-Antwort obendrauf - sinnvoll erst, wenn die Automatisierungsbasis steht. In der Praxis gewinnt fast immer die Kombination: die flankierenden Maßnahmen kurzfristig, der Retrofit als struktureller Kern, sobald das Volumen ihn trägt.

Nächster Schritt: die Personalabhängigkeit des eigenen Lagers prüfen

Ob Ihr Lager die Kriterien für einen Retrofit erfüllt - Regaltyp, Gangbreite, Tagesvolumen -, beantworten wir kostenlos in einem Termin: NEO im Einsatz sehen.

FAQ

Wie stark ist der Fachkräftemangel in der Logistik?

Der Mangel ist strukturell und verschärft sich. Die erwerbsfähige Bevölkerung schrumpft, und die Logistik konkurriert mit Bau, Industrie und Pflege um dieselben Arbeitskräfte. Wie zentral das Thema geworden ist, zeigt die EHI-Erhebung 2026: 77,8 % der Handelsunternehmen nennen den Fachkräftemangel als Grund für weitere Automatisierung.

Löst Automatisierung den Fachkräftemangel?

Nicht vollständig, und das ist auch nicht das Ziel. Ein AMR-basiertes Ware-zur-Person-System reduziert den Personalbedarf in der Kommissionierung um bis zu 70 %, indem es die Transportaufgabe automatisiert und den Menschen für den Pick-und-Bestätigen-Schritt behält. Das entlastet den Rekrutierungsdruck deutlich, ersetzt aber nicht alle Tätigkeiten im Lager.

Ab welchem Volumen lohnt sich Automatisierung gegen den Personalengpass?

Als wirtschaftliche Faustregel für ein Pay-per-Pick-Modell gelten ab 5.000 Picks pro Tag im zu automatisierenden Lagerbereich. Darunter ist zunächst die Optimierung der manuellen Prozesse der sinnvollere Weg.

Was ist der Unterschied zwischen Fachkräftemangel und Fluktuation im Lager?

Fachkräftemangel heißt, dass sich für offene Stellen kaum Personal finden lässt - ein Problem des Arbeitsmarkts. Fluktuation heißt, dass eingestellte Mitarbeitende das Lager schnell wieder verlassen - ein Problem der Bindung. Beide verstärken sich, sind aber unterschiedliche Baustellen. Die Bindungsseite behandelt der Artikel zur Fluktuation im Lager.

Hilft höherer Lohn gegen den Fachkräftemangel?

Kurzfristig ja, strukturell nein. Höhere Löhne besetzen offene Schichten schneller und senken die Abwanderung. Weil aber die konkurrierenden Branchen ihre Löhne gleichzeitig anheben, verbessert sich die relative Attraktivität des einzelnen Lagers nicht - die Verfügbarkeit von Arbeitskräften bleibt begrenzt.


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